Den demografischen Wandel in der Textil- und Bekleidungsbranche gestalten

Wie können Sie körperliche Belastungen an den Arbeitsplätzen Ihrer Beschäftigten erkennen?

Legen Sie die Produktionsbrille ab! Betrachten Sie den Arbeitsprozess auch aus einem für Sie neuen Blickwinkel. Achten Sie bei der körperlichen Belastung vor allem auf folgende Aspekte:

  • Wie häufig müssen Ihre Beschäftigten Gegenstände heben, tragen oder umsetzen?
  • Wie schwer sind diese Gegenstände?
  • Welche Körperhaltung nehmen Ihre Beschäftigten dabei ein?

In Gesprächen mit Ihren Beschäftigten (möglichst über alle Schichten hinweg) erhalten Sie dazu wertvolle Hinweise.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin stellt Leitmerkmalmethoden zur Verfügung, die Sie kostenlos nutzen können. So können Sie körperliche Belastungen 

  • durch das Heben, Halten und Tragen von Lasten,
  • durch das Ziehen und Schieben von Lasten,
  • durch manuelle Tätigkeiten, die sich häufig wiederholen,

Schritt für Schritt bewerten. Stellen Sie sich z.B. folgende Fragen:

  • Wie hoch ist die Belastung? Risikoklasse 3 oder sogar 4?
  • Sind Gestaltungsmaßnahmen notwendig?
  • Wodurch wird die Belastung verursacht? Hieraus ergeben Sich mögliche Gestaltungsmaßnahmen:    
    Ist es vor allem die Häufigkeit, das Gewicht, die Körperhaltung oder die Arbeitsumgebung?

Wie lange müssen Ihre Beschäftigten in der Schicht sitzen, stehen oder auf Betonboden gehen?

  • weniger als 2 Stunden pro Schicht?
  • 2 bis 4 Stunden pro Schicht?
  • mehr als 4 Stunden pro Schicht?

Bei langem Stehen oder Gehen prüfen Sie die zur Verfügung gestellten Arbeitsschutzschuhe auf dämpfende Eigenschaften und/oder organisieren Sie Belastungswechsel! 

Wie können Sie psychische Belastungen an den Arbeitsplätzen Ihrer Beschäftigten erkennen?

Unter psychischen Belastungen wird die Gesamtheit aller Einflüsse gefasst, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken. In Abhängigkeit der jeweiligen individuellen Voraussetzungen und Bewältigungsstrategien der betroffenen Beschäftigten, wirken sich diese Belastungen in Form psychischer Beanspruchungen aus. Diese Beanspruchung kann förderlich sein (z. B. weil neue Fähigkeiten entwickelt werden) oder auch zu einer Fehlbeanspruchung führen (z. B. weil die erforderliche Qualifikation fehlt, vgl. DIN EN ISO 10075, Teil 1). Da die Beanspruchungen individuell unterschiedlich sein können, ist die subjektive Wahrnehmung von Belastung bzw. die Beanspruchung bei der Bewertung zu berücksichtigen. Daher ist eine Beteiligung der Beschäftigten hierbei unerlässlich.

Folgende Belastungsfaktoren werden im Rahmen der psychischen Belastungen geprüft:

  • Vielseitigkeit der Tätigkeit
  • Ganzheitlichkeit der Arbeitsaufgabe
  • Handlungsspielraum bei der Ausführung der Arbeitsaufgabe
  • Wissen und Lernen für und durch die Arbeitsaufgabe
  • Störungen der Technik, unvollständige oder widersprüchliche Informationen oder Unterbrechungen (Regulationsbehinderungen)
  • Aufmerksamkeitsanforderungen der Arbeitsaufgabe
  • Information und Mitsprache bei der Gestaltung von Arbeitsablauf und Arbeitsorganisation
  • Zusammenarbeit mit anderen Beschäftigten
  • soziale Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen sowie Vorgesetzte.

Eine Optimierung dieser sozialen Rahmen- und  Arbeitsbedingungen wirkt sich positiv auf Gesundheit und Motivation aller Beschäftigten aus – unabhängig vom Alter. Gleichzeitig wirkt sie sich oft auch positiv auf die Arbeitseffizienz im jeweiligen Bereich aus. Aber mit Blick auf den Erhalt und die Förderung der Arbeitsfähigkeit sind einige Faktoren für älter werdende und ältere Beschäftigte von besonderer Bedeutung.

So ist aus der Arbeitswissenschaft bekannt, dass für diese Beschäftigtengruppe zeitliche und inhaltliche Handlungsspielräume bei der Arbeit sehr wichtige Faktoren sind. Diese sind dann gegeben, wenn die Beschäftigten weitgehend selbst bestimmen können über

  • die eigene Arbeitsweise,
  • die einzusetzenden Arbeitsmittel,
  • die erholungsförderlichen Pausenzeitpunkte,
  • die Arbeitszeit,
  • die Arbeitsgeschwindigkeit,
  • die Arbeitsplanung.

·         Wenn diese Handlungsspielräume nicht realisiert werden können, sollte zumindest eine wechselnde und nicht über- oder unterfordernde Arbeitsbelastung das Ziel sein. Insbesondere Zeitdruck sollte für ältere Beschäftigte vermieden werden, da diese hierdurch besonders stark belastet werden.

Aber auch der inhaltliche Handlungsspielraum ist im höheren Erwerbsalter von größerer Bedeutung als in jüngeren Jahren. Sind die Entscheidungs- und Kontrollspielräume eher eng bei gleichzeitig hohen Anforderungen, kommt Stress auf – und zwar bei Jung und Alt. Einziger Unterschied: Die älteren Beschäftigten können diesen Stress schlechter kompensieren. Und Dauerstress gefährdet die Arbeitsfähigkeit.

Psychische Belastungen sind weniger gut identifizierbar. Daher ist es empfehlenswert, diese in Gesprächen oder Gruppeninterviews zu erfragen. Fragen Sie Ihre Beschäftigten z. B. danach,

  • ob die notwendigen Arbeitsmittel (Maschinen, Werkzeuge etc.) in geeigneter Qualität und in der richtigen Stückzahl zur Verfügung stehen,
  • ob häufig Arbeitsmittel fehlen oder defekt sind,
  • ob alle Informationen zur Erfüllung ihrer Arbeitsaufträge zur Verfügung stehen oder ob die benötigten Informationen vollständig und/oder fehlerfrei sind,
  • wie häufig sie unter Zeitdruck arbeiten müssen
  • ob häufig ungeplante Unterbrechungen durch andere verursacht werden,
  • ob sie regelmäßig an Veränderungen und Entscheidungen, die ihre tägliche Arbeit betreffen, mit einbezogen werden.
  • ob sie bei Bedarf Hilfestellung und Unterstützung durch Kolleginnen, Kollegen und/oder Vorgesetzte bekommen

 

Unter den zur Verfügung gestellten Instrumenten finden Sie einen teilstandardisierten Fragebogen, der Ihnen Hinweise gibt, welche Kriterien Sie erfragen sollten und wie Sie diese im Belastungsprofil bewerten können. Auch bei der Bewertung psychischer Belastungen geht es um den Abgleich des Ist- und Sollzustandes.

Wie können Sie Belastungen aus der Arbeitsumgebung erkennen?

Faktoren aus der Arbeitsumgebung sind messbar und vergleichbar. Sie sorgen für die harten Fakten. Dabei sollten bei den Messungen vor Ort die vorhandenen Kataster (Lärm, Klima, Beleuchtung usw.) noch einmal stichprobenartig überprüft bzw. aktualisiert werden. Den Fachkräften für Arbeitssicherheit (intern oder extern) stehen in der Regel geeignete Messinstrumente für Lärm, Klima und Beleuchtung zur Verfügung.  Darüber hinaus können die BG ETEM oder Dienstleistungsunternehmen für Arbeitssicherheit zusätzliche Messungen durchführen.

Verbesserte Beleuchtung, schnelllaufende Hallentore oder Einhausungen von Lärmquellen sind nur einige nennenswerte Beispiele, die Sie umsetzen können. Überzeugende Ideen, wie die Arbeitsumgebung gestaltet werden kann, finden Sie unter Lösungen.

Wie können Sie Belastungen aus der Arbeitszeit erkennen?

Belastungen aus der Arbeitszeit, insbesondere Schichtarbeit sind unter Berücksichtigung arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse zur Arbeitszeitgestaltung und unter Beteiligung der Beschäftigten analysierbar, weil auch hier die subjektive Wahrnehmung von Belastung individuell unterschiedlich und abhängig vom Alter, dem privatem Umfeld usw. ist.

Arbeit im Schichtsystem stellt immer eine gesundheitliche Belastung dar, lässt sich aber in vielen Fällen nicht grundsätzlich verändern. Die Auswirkungen von Schichtarbeit sind u.a. abhängig von der Lage (Beginn und Ende der Schicht), der Länge der Arbeitszeit sowie der Schichtfolge. Wie lange bereits in Schichtarbeit (insbesondere in Nachtschicht) gearbeitet wurde kann darüber hinaus Einfluss auf die Wahrnehmung der Belastung und gesundheitliche Veränderungen haben. Arbeiten in Nachtschicht stellt für junge und vor allem auch ältere Beschäftigte eine hohe Belastung dar. Ess- und Verdauungsstörungen sowie Herz- und Kreislauferkrankungen können Begleiterscheinungen sein. Insbesondere ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beklagen kurze Schlafphasen durch die Nachtschicht, die sich anhäufen, je länger der Nachtschichtblock andauert. Sind Nachtschichten unvermeidlich, dann empfehlen sich kurzzyklische Vorwärtswechsel (z.B. jeweils zweimal Früh-, Spät- und Nachtschicht) mit einer längeren Freiphase von mindestens drei, besser von vier Freischichten im Anschluss an die Nachtschicht. Ein Schichtbeginn vor 6 Uhr wird von vielen Beschäftigten wie eine zweite Nachtschicht empfunden und sollte vor dem Hintergrund alternsgerechter Arbeitsgestaltung vermieden werden. Darüber hinaus ist die Ausübung ungeplanter Mehrarbeiten am Wochenende (insbesondere eine Spätschicht am Samstag) zusätzlich hoch belastend, weil das soziale Umfeld beeinträchtigt und die Erholungsphasen verkürzt werden.

Schichtsysteme und Arbeitszeiten zu verändern bedeutet immer einen Eingriff in die sozialen Systeme der Beschäftigten und ist daher mit einer Vielzahl an Widerständen verbunden. Machen sich aus den Analyseergebnissen Veränderungen des Schichtsystems notwendig, sollten die möglichen Gestaltungsalternativen auf den Grundlagen arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse basieren. Diese sind zunächst zwischen den Betriebsparteien zu diskutierten und Maßnahmen festzulegen. Bevor endgültig eine Veränderung der Arbeitszeitgestaltung umgesetzt wird, sollte eine mindestens halbjährliche Probezeit vereinbart werden, in der möglichst alle Beschäftigten der betroffenen Bereiche die veränderten Arbeitszeiten bzw. den Schichtplan testen können, um sich ein umfassendes Bild über die jeweiligen Vor- und Nachteile machen zu können. Am Ende der Probezeit steht eine Abstimmung z.B. durch eine Mitarbeiterbefragung über die endgültige Umsetzung des neuen Modells. Ein Rückgang zum vorherigen Modell sollte möglich sein.

In der Textilbranche sind viele gut qualifizierte Frauen beschäftigt. Mit der Geburt von Kindern stellen sich jedoch für die betroffenen Mitarbeiterinnen häufig Weiterbeschäftigungsprobleme dar, weil eine Vollzeittätigkeit z.B. in Früh- und Spätschicht nur begrenzt vereinbar mit dem Privatleben ist. Unternehmen sollten daher auch Teilzeitbeschäftigungsmöglichkeiten für Ihre Mitarbeiterinnen prüfen, um wichtiges Erfahrungswissen im Unternehmen halten zu können. Außerdem eröffnet sich eine personelle Einsatzflexibilität, wenn sie dabei die Bedürfnisse von Unternehmen und Beschäftigten berücksichtigt. 

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) Initiative Neue Qualität der Arbeit Bundesministerium für Arbeit und Soziales

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